Leseprobe: Jule und der Fluch der Kauani

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Kapitel 1
Verbannt!

Nicht zu fassen.
Es war unerhört!
Ich wurde abgeschoben, ausgestoßen, ja verbannt!
Ich konnte nicht glauben, dass Paps mich tatsächlich über Weihnachten zu dieser verrückten Tante schickte.
„Arbeiten muss ich“, hatte er gesagt.
Es ging um etwas ganz Wichtiges. Tja, da saß ich nun. Bei der verrückten Großtante Hippi. Ja, so hieß sie. Glaubt ihr nicht? Ehrlich! Es war natürlich ein Spitzname, aber der Name war Programm, wie es so schön hieß. Wie ihr richtiger Name war, wusste ich ehrlich gesagt gar nicht. Großtante Hippi wohnte jedenfalls in einem uralten, maroden Haus mitten in der Pampa. Es sah wie ein Hexenhaus aus, mit einem leicht schiefen Dach, bunten Fensterrahmen und teilweise überwuchert von allerlei Kletterpflanzen. Ich hatte sie vor ungefähr 4 Jahren zuletzt gesehen.
Halt, das stimmt nicht. Eigentlich erst sogar vor einem halben Jahr. Aber nur kurz und zu diesem Thema komme ich gleich.

Hippi war die Tante meiner Mutter, also meine Großtante. Und leider die einzige Verwandte, bei der mich mein Paps über die
Ferien abgeben konnte. Abschieben! Verbannen!
Meine Bitte, bei meiner Freundin Anna bleiben zu dürfen, tat er mit dem fadenscheinigen Argument ab, dass ihre Familie über Weihnachten nach Australien flog.
Pah! Als wenn ich nicht auch noch in den Flieger gepasst hätte.
Ich hätte es ja immerhin von meinem Taschengeld bezahlt, ich
hatte schon ganze 200 Euro gespart. „Reicht aber nicht“, hatte Paps gesagt. Und so saß ich jetzt auf Großtante Hippis Sofa und blickte in eine trübe Brühe, die sie „leckere Gurkenlimonade“ nannte. Aus ihrem Garten. War mir egal, wo die herkam, denn in mich rein käme sie sicherlich nicht.
Jetzt fragt ihr euch bestimmt, warum ich nicht zuhause bei
meiner Mutti war. Wenn Väter arbeiten, sind in der Regel noch die Mütter zur Stelle. Oder umgekehrt. Aber, nun ja, meine Mutti war verschollen.
Kein Scherz! Verschwunden wie ein einzelner Schuh eines Barbieschuhpaares, wie die Kapsel eines Filzstifts, wie der Verschluss eines Ohrrings. Ein wichtiger Teil eines Ganzen, woraufhin der „Rest“ nicht mehr so gut funktionierte. Der „Rest“ waren in unserem Fall Paps und ich.
Wie ihr bestimmt schon ahnt: es geschah vor einem halben Jahr. Meine Mutti, eine leidenschaftliche Archäologin, die zahlreiche Vorträge an einer Universität hielt, hatte beschlossen, dass ihre Tochter nun alt genug war, um sie für eine Forschungsreise längere Zeit alleine zu lassen.
Soll heißen: Um mich länger als zwei Tage mit Paps allein zu lassen. Paps war nicht unbedingt – wie soll ich sagen – zuverlässig.
Er vergaß ständig irgendwas: Mich von der Schule abzuholen, Arzttermine, Milch einzukaufen usw.
Nun war ich aber schon 10 Jahre alt und konnte für Paps mitdenken. Und so flog sie davon. Nach Bolivien. Einfach so.
Und kam nicht wieder.

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